Lernfabrik

Materialflussuntersuchung nach VDI 2689

Wie aus Mengen, Wegen, Zeiten und Kosten eine belastbare Entscheidungsgrundlage für Produktion und Logistik entsteht.

Kurzantwort

Eine Materialflussuntersuchung erfasst nicht nur Transporte. Sie verbindet Untersuchungsziel, Systemgrenze, Transportgut, Wege, Fördermittel, Personal, Organisation, Zeiten und Kosten. Erst danach werden technisch machbare Varianten entwickelt, bewertet, umgesetzt und auf Zielerreichung geprüft.

Was ist eine Materialflussuntersuchung?

Eine Materialflussuntersuchung ist die systematische Aufnahme und Bewertung aller untersuchungsrelevanten Vorgänge, durch die Güter bearbeitet, geprüft, gehandhabt, transportiert, gelagert oder bereitgehalten werden. Betrachtet werden neben dem physischen Fluss auch die Informationen und Steuerungsregeln, die Bewegungen auslösen oder verhindern.

Die aktuelle VDI 2689:2019-02 beschreibt dafür Basiswerkzeuge, Checklisten, Projektmanagement und Realisierungsansätze. Ältere Ausgaben aus der Fachbibliothek bleiben methodisch aufschlussreich, werden für aktuelle Aussagen aber nicht ungeprüft übernommen.

Anlass und messbares Ziel trennen

Ein Anlass ist beispielsweise eine neue Produktvariante, ein Umbau, hohe Bestände oder eine zu lange Lieferzeit. Das Untersuchungsziel muss daraus als überprüfbare Wirkung formuliert werden, etwa kürzere Durchlaufzeiten, weniger Transportaufwand, eine höhere Versorgungssicherheit oder ein belastbarer Kapazitätsnachweis.

AnlassMögliche ZielfrageGeeignete Kennzahlen
Wachstum oder neue VariantenReicht die bestehende Struktur für das künftige Mengengerüst?Transporte je Schicht, Spitzenlast, Pufferbedarf
Hohe BeständeWo entstehen Aufenthalt und unnötige Zwischenlagerung?Bestand, Reichweite, Liegezeit, Durchlaufzeit
Umbau oder neues LayoutWelche Zuordnung verkürzt kritische Beziehungen?Transportintensität, Distanz, Kreuzungen, Flächenbedarf
Störungen und EngpässeWelche Abhängigkeit begrenzt die Systemleistung?Auslastung, Wartezeit, Rückstau, Leistungsverfügbarkeit

Systemgrenze und Untersuchungsobjekte

Vor der Datenerhebung wird festgelegt, ob Arbeitsplatz, Segment, Gebäude, Werk oder standortübergreifende Kette betrachtet werden. Die Grenze darf im Projekt angepasst werden, wenn die erste Auswertung zeigt, dass eine wesentliche Ursache außerhalb liegt.

Für jedes Transportgut werden Menge und Häufigkeit, Abmessungen, Gewicht, Ladungsträger, Quelle, Senke und zeitlicher Bedarf beschrieben. Hinzu kommen Wege, Fördermittel, Personal, Organisation, Disposition und Kosten. Diese Trennung verhindert, dass ein sichtbares Fahrzeugproblem behandelt wird, obwohl die Ursache in Losgrößen oder Freigaberegeln liegt.

Vorgehen in sieben Arbeitsschritten

  1. Ziel und Entscheidung definieren: Festlegen, welche Entscheidung die Untersuchung vorbereiten soll.
  2. System abgrenzen: Prozesse, Bereiche, Zeitraum, Produkte und Ausnahmen dokumentieren.
  3. Untersuchungsplan erstellen: Datenquellen, Methoden, Verantwortliche und Prüfpunkte festlegen.
  4. Ist-Zustand aufnehmen: Systemdaten mit Beobachtung, Messung und Layout abgleichen.
  5. Ist-Zustand auswerten: Mengen, Wege, Zeiten, Bestände, Kapazitäten und Kosten gemeinsam beurteilen.
  6. Lösungen entwickeln und bewerten: technisch machbare Varianten mit einheitlichen Kriterien vergleichen.
  7. Umsetzen und Wirkung prüfen: Ausgangswert, Zielwert, Messzeitpunkt und Verantwortung festhalten.

Welche Darstellungen helfen?

Eine Materialflussmatrix verdichtet Beziehungen zwischen Quellen und Senken. Ein Sankey-Diagramm macht starke und schwache Flüsse sichtbar. Ein Wegediagramm verbindet die Intensitäten mit dem realen Layout. Zeit- und Bestandsanalysen ergänzen die räumliche Sicht.

Statische Analysen sind der Ausgangspunkt. Eine Simulationsstudie nach VDI 3633 wird sinnvoll, wenn Schwankungen, Warteschlangen, Steuerungsregeln oder gemeinsam genutzte Ressourcen die Entscheidung prägen.

Datenqualität: Systemdaten und Beobachtung verbinden

ERP-, MES- und LVS-Daten liefern große Mengen, bilden aber nicht automatisch die physische Realität ab. Fehlende Zeitstempel, geänderte Stammdaten, Sammelbuchungen oder manuelle Transporte müssen erkannt werden. Umgekehrt ist eine kurze Beobachtung nicht repräsentativ für Produktmix und Spitzenlast. Belastbar wird die Analyse durch den Abgleich beider Perspektiven.

Fachliche Grundlage

  • VDI 2689:2019-02, Leitfaden für Materialflussuntersuchungen.
  • VDI 3595:1999-06, materialflussgerechte Zuordnung von Betriebsbereichen und -mitteln.

Zur Umsetzung: Materialflussanalyse, Simulation und Optimierung sowie Datenaufnahme für die Fabrikplanung.

FAQ

Häufige Fragen

Welche Daten braucht eine Materialflussuntersuchung?

Mindestens Transportgut, Menge, Häufigkeit, Quelle, Senke und Zeitraum. Je nach Ziel kommen Wege, Zeiten, Bestände, Fördermittel, Personal, Kosten und Steuerungsregeln hinzu.

Wie lang muss der Erfassungszeitraum sein?

So lang, dass typische Produktmixe, Schichten und Schwankungen enthalten sind. Ein pauschaler Zeitraum ist ungeeignet; Kalender- und Systemdaten sollten auf Sonderereignisse geprüft werden.

Ist eine Simulation immer erforderlich?

Eine Simulation ist nicht immer erforderlich. Zunächst werden statische und analytische Methoden ausgeschöpft; Simulation hilft bei dynamischen Wechselwirkungen, Unsicherheit und gemeinsam genutzten Ressourcen.

Was ist das wichtigste Ergebnis?

Eine nachvollziehbare Entscheidung mit dokumentierter Datenbasis, bewerteten Varianten und messbarer Wirksamkeitskontrolle — nicht nur eine Grafik des Ist-Zustands.

Kontakt

Ihre Planung konkretisieren

Sprechen Sie mit uns über Datenbasis, Varianten und den nächsten belastbaren Entscheidungsschritt.